Features

 

Erst hört man ihr Lachen. Dann das Gestöckel hoher Absätze. Dann wieder ein Lachen. Dann steht Diana Damrau (46) in der Tür. Man hat sich gut vorbereitet. Besser so, bei einem Weltstar der Opernbühne. Einer jener virtuos alle Tonfarben girrenden und flirrenden Stimmakrobatinnen des überaus faszinierenden Fachs der Koloratursoprane.

Man weiss, dass Frau Damrau genauso an der Metropolitan Opera in New York triumphiert, wie an der Mailänder Scala. Und jetzt in Zürich. Als Maria Stuarda, einer jener stimmbandmordenden Partien wie sie Gaetano Donizetti seinen Protagonistinnen in die Stimmbänder schrieb. Es sind stäubende Tonkaskaden, die sie im Kampf um Englands Krone mit ihrer Erzfeindin Elisabetta I. quasi in Form eines ariosen Kampfes einsetzt. Das Gesicht nimmt sofort ein. Oval, mandelförmig unter blondem Haar. Hoch geschwungene Brauen über wasserhellen Augen. Ein breiter Mund. Ebenmässig milchweiss schimmernde Haut. Ein Blick und man fragt sich, woher man dies denn alles bereits kennte. Und findet solche Gesichter in den Frauenbildern des Amedeo Modi­gliani wieder.

Dann sitzt sie da. Beine übergeschlagen. Wippt mit dem rechten Fuss. Lächelt. Wartet. Fast wie ein Kind. Nichts Divenhaftes ist an ihr.

Sie singen seit über 20 Jahren, haben in dieser Zeit den unaufhaltsamen Aufstieg in den absoluten Zenit einer Sängerinnenkarriere geschafft. Man darf sagen: Es ist eine tolle, aber keinesfalls schnelle Karriere geworden.
Diana Damrau
 : Nein, ein Shootingstar war ich nicht. Ich bin nicht wie ein Komet durch alle Ebenen hindurchgeschossen und dann … verschwunden.

Sie haben offenbar eine eher seltene Sängerqualität: Vernunft.
Natürlich war ich vorsichtig. Und bin es immer noch. Ich wage mich auch immer wieder weiter. Wenigstens ein kleines bisschen. Rollen musikalisch, stimmlich und schauspielerisch auszuloten, ist einfach wunderbar. Besondere Moment zu gestalten, auf die das Publikum reagiert … Das ist was. So ist dieser Beruf für mich auch immer spannend geblieben.

Sie können «Geduld»!
Die habe ich lernen müssen. Ich hatte mich während des Studiums einer Operation unterziehen müssen, und man hatte mir bei der Narkose, mit dem Beatmungstubus ein Stimmband verletzt. Über ein Jahr ist dieses Ödem nicht weggegangen, und glauben Sie mir: Zum Schluss, nach 13 verschiedenen Ärzten, war ich schon sehr allein. Aber ich sagte: Ich schaff das! Ich hatte mich auch gegen eine Operation entschieden, obwohl sie mir von vielen Seiten empfohlen worden war. Ich beschloss zu ­warten …

Und?
Eine schwere Zeit. Dann traf ich ­einen Arzt, der mir sagte, dass man meinem Körper helfen könne, sich selbst zu helfen. Das kann man mit natürlichen Methoden viel besser. Eine Spannungsregulation, eine Kombination aus Entgiftungskur, Homöopathie, chinesischer Medizin und angeleiteten Übungen zur Spannungsregulation wurde mir empfohlen. Das erschien mir logisch und verständlich um wieder in Balance zu kommen.

Sänger sind nie vor Stimmkrisen gefeit.
Klar. Die kommen auch, wenn man die falschen Rollen singt. Ich hätte die Violetta in Verdis «Traviata» schon zehn Jahre früher singen können. Die Töne wären da gewesen. Aber in meiner Vorstellung sollte meine Stimme reifer klingen. Man muss glauben können, was diese Frau alles mitgemacht hat, noch mitmachen muss. Also habe ich gewartet und selbst noch ein bisschen mehr gelebt. Für diese Rolle wollte ich als Mensch reifer sein.

So bekommt die Stimme, was die musikalische Welt Stimmfarben nennt.
Das Wort, die Situation, die Musik inspirieren mich, diese Farben zu suchen, zu finden und damit ganz bewusst aus dem «von oben bis unten sauber geleckten Singen nach der erlernten Schule» auszubrechen. Diese Schule ist wunderbar, muss immer Basis bleiben. Man kann sich immer wieder dahin retten. Aber jeder von uns sucht eben auch die Möglichkeit, eine Rolle noch etwas mehr vom Gefühl her anzugehen, die Situa­tion, in der wir unsere Kunst abliefern, noch etwas schöner zu machen!

Im Grunde genommen ist klassisches Singen eben doch ein technischer Ablauf.
Salopp gesagt ist das so. Das Auto und der Motor sind damit parat. Aber ich fahre! Das kann ich aggressiv tun. Ich kann es schnell tun. Ich kann Gas geben und manchmal den Motor auch aufheulen lassen. Und manchmal hat man ganz einfach keine Lust zu fahren…

Man muss als Sänger immer die Kontrolle über sein Instrument behalten!
Man muss aufpassen, dass die Geschichte, die man da auf der Bühne erzählt, nicht mit einem durchgeht. Gerade bei «Maria Stuarda». Das sind schon Gefühle. Uahhh!

Diese Opern sind ohne Sänger, die Topleistungen bringen, unaufführbar .
Sängerisches Mittelmass ist für solche Opern einfach nicht möglich. Man muss wissen, wie man das singt – und wie man damit Gefühle transportiert.

Damit ist Ihnen auch sehr bewusst, was Sie bis heute erreicht haben?
Natürlich ist es schön, solche Möglichkeiten zu haben. Aber mit jeder Neuinszenierung, die ich mache, mit jedem Auftritt wächst auch der Druck. Das Publikum, das in solche Aufführungen kommt, will nur das Beste hören. Da ist dann …? Wie könnte ich das beschreiben …? Sagen wir es so: Es ist nicht einfacher geworden.

Aber Sie gehen ja fast immer als Siegerin vom Platz!
Man muss es immer im Kopf behalten: Du dienst dem Stück und dem Komponisten. Die Geier, die über einem kreisen, die Pfeilattacken, denen man ausgesetzt ist, muss man … ausblenden.

Man kann ja Kritiken einfach nicht lesen …
Mir kann niemand sagen, dass er keine Kritiken liest. Man kann sich verweigern, aber irgendwann hat man die trotzdem auf dem Handy. Oder jemand zeigt dir eine Zeitung mit den Worten: «Da steht eine ganz schöne Kritik drin.» Du liest und kommst zu ­einem Satz … Da bleibt dir das Herz stehen! Man muss lernen, so etwas nicht zu ernst zu nehmen. Ich muss immer an einen Satz denken, den ein Dirigent gesagt hat: «Der Beruf des Musikkritikers ist eigentlich vollkommen unnütz und überflüssig.»

Es gibt noch etwas anderes, viel Wichtigeres, was Sie von anderen Künstlern unterscheidet. Auch Ihr Mann ist Opernsänger. Sie haben kleine Kinder …
Ich wäre kein Mensch, hätte ich keine Familie. Ich brauche Familie. Ich liebe meinen Mann. Uns beiden war klar: Wir wollen Kinder. Zwei.

Mindestens?
Nein. Vernunft muss sein. Unser Leben ist schon etwas wild. Ein Kind in unserer Erwachsenenwelt alleine aufwachsen zu lassen, wäre sicher nicht das Richtige. Aber zwei. Zwei Buben. Die sind dann im Team, und das ist wunderbar.

Ihr Mann singt das Bassfach. Sie werden oft vom gleichen Opernhaus engagiert. Aber so oft singen Sie nicht zusammen …
Es ist auch besser, wenn wir in getrennten Produktionen singen. So sind die Kinder nie allein. Ausserdem kommen für einen Bass die richtig grossen, wichtigen Rollen erst ab Mitte vierzig. Er braucht Geduld und hat sie auch.

Welche Ambitionen haben Sie noch?
Qualität zu schaffen. Qualität überzeugt. Das muss reichen. Überall aufzutauchen, Kontakte zu machen und so eine Karriere zu schmieden – das kann ich nicht.

Deshalb sind Sie Ihre Karriere auch so bedächtig angegangen.
Ich wollte meinen Beruf von der Pike auf lernen, habe jedes Stadium genossen und wie wild gearbeitet. Ein Kalender ist oft langsamer als die Entwicklung eines Sängers. Wir planen ja bis zu fünf Jahre im Voraus. Auch fühlte ich immer, dass meine Zeit kommen würde. Ich habe zum Beispiel an der Metropolitan Opera jahrelang Wiederaufnahmen gesungen. Vor mir sangen diese Aufführungen Natalie Dessay oder Anna Netrebko. Hat mir das wehgetan? Nein. Ich habe ja das Stück gesungen. Ich habe es genossen. Dann habe ich Neuproduktionen gekriegt und gesungen!

Wünsche?
Schwer zu sagen. Ich sehe meinen Beruf. Ich sehe meine Familie … Es ist alles sehr, sehr viel. Ich weiss, dass ich aufpassen muss. Ich möchte meinen Kalender nicht so voll haben, wie er es ist. Aber wenn Sie mich fragen: Ein bisschen mehr Freiheit wünsch ich mir.

Schlimme Frage: Können Sie sich vorstellen aufzuhören?
Nur, wenn ich gesundheitlich müsste. Später, ja.

Wer sagt Ihnen das?
Ich selbst und meine Stimme. Man hat den grossen Sänger Gerald Finley gefragt, was er denn einem jungen Sänger raten würde. Seine Antwort: «Enjoy your singing» – Freue dich an deinem Gesang. Nur so kann man singen. Wenn man das nicht mehr kann… muss man aufhören.

Blick