“Ich bin ein Bühnentier”: Opernstar Diana Damrau über das Glück einer langen Karriere und ihre Würzburger Wurzeln
Feb 16, 2025

Die Sopranistin studierte in Würzburg und gab am Mainfranken Theater ihr Bühnendebüt. Jetzt ist sie Schirmherrin des Festivals Lied. Warum ihr das ein Herzensanliegen ist.
Diana Damrau gilt als eine der größten Sopranistinnen unserer Zeit. Geboren 1971 in Günzburg, hat sie in Würzburg studiert und am Mainfranken Theater ihr Bühnendebüt gegeben. Heute singt die 51-Jährige an allen großen Häusern weltweit. Inzwischen ist sogar ein Asteroid nach ihr benannt. In diesem Jahr ist sie Schirmherrin des Festivals Lied, das vom 5. bis 16. März in Würzburg stattfindet. Ein Gespräch über 30 Jahre Opernkarriere, ihre Heimat und die – vielfach unterschätzte – Bedeutung des Kunstlieds.
Sie haben in Würzburg am Mainfranken Theater Ihr Bühnendebüt gegeben. Das Haus ist gerade eine riesige Baustelle. Sie leben in Zürich – bekommen Sie mit, was hier so läuft?
Diana Damrau: Ich war im Sommer in Würzburg, es gibt hier noch viele Freunde aus dem Studium und natürlich Theaterkollegen aus meiner Zeit am Mainfranken Theater. Ich habe die Baustelle besichtigt und hoffe, dass das so schnell wie möglich fertig wird. Das Theater ist doch das Herz der Stadt. Was ich fantastisch finde, ist, dass der Neubau sich nach außen öffnet. Der Ballettsaal ist einsehbar – das ist fast wie die Juilliard School in New York, da sieht man die Tänzer auch von der Straße aus.
“Das Theater ist doch das Herz der Stadt.” Diana Damrau
Sie sind Schirmherrin des Festivals Lied, eines von drei jungen und erfolgreichen Festivals in Würzburg. Wundert es Sie, dass sich in diesen Zeiten solche Neugründungen halten können?
Diana Damrau: Ich wundere mich nicht, ich finde es ganz wunderbar. Wir brauchen die Musik, wir brauchen die Kultur als Spiegel und als Medizin. Und als Ausdruck unserer Wurzeln. Das ist ja unsere Geschichte. Gerade in der Musik und in der Poesie geht es um den Menschen und seine Gefühle. Das ist immer aktuell. Deswegen ist mir das Lied so wichtig. Und deswegen bin ich sehr stolz, so ein großes Programm mit vorstellen zu können.
Was erwartet das Publikum diesmal?
Damrau: Ein ganzer Kosmos! Es wird eine riesige Bandbreite gezeigt. Man hört nicht nur die ganz großen Namen, sondern auch Duos oder junge Künstler, die gerade Wettbewerbe gewonnen haben. Das Programm ist unglaublich spannend. “Waldeinsamkeit” steht neben “Krieg und Frieden” oder “Lust und Schmerz”. Und eine “Schubertiade” darf natürlich auch nicht fehlen.
Sie stehen seit 30 Jahren auf der Bühne. Was hat sich in dieser Zeit verändert?
Damrau: Ein ganz großer Einschnitt war Covid, wo viele Künstler gezwungen waren, ihren Beruf aufzugeben oder gar nicht erst antreten konnten. Schockierend war zu sehen, mit welchem Unverständnis die Politik die Kultur untergraben hat. Oder untergräbt, wie gerade in Berlin, wo man unglaubliche Kürzungen vornimmt. An der Kunst selbst hat sich nichts geändert. Wir sprechen und singen immer noch aus vollstem Herzen und berühren mit wunderbarsten Melodien und immer aktuell bleibenden Themen die Seele des Zuhörers. Und helfen ihm vielleicht auch, einiges zu überwinden. Oder sich einfach nur zu freuen. Was ganz wichtig ist, denn in letzter Zeit ist das Leben auf der Welt nicht so ganz einfach.
“Ich brauche die Oper. Ich liebe die Arbeit im Ensemble.” Diana Damrau
Viele junge Karrieren enden heute oft schneller als erhofft. Sie stehen seit 30 Jahren auf der Bühne – ist so etwas die Ausnahme, oder kann man das immer noch anstreben?
Damrau: Ich denke, man sollte das immer anstreben. Eine Karriere ist etwas sehr Persönliches und immer an Situationen gebunden. Man braucht auch Glück. Aber man muss auch bereit sein, unaufhörlich an sich selbst und an der Stimme zu arbeiten und wirklich dafür zu brennen. Ich habe mir meine CDs noch zusammengespart, heute klickt man auf YouTube und bekommt tausende von Aufnahmen – vollkommen ungefiltert. Früher hatte man mit professionellen Aufnahmen noch eine Garantie der künstlerischen Wertigkeit. Und auch der Beruf des Musikkritikers, die Kunst des Feuilletons geht verloren. Heute werden Karrieren auf Social Media gemacht, da bleibt für junge Sänger kaum mehr Zeit zu wachsen, und so mancher “Shooting Star” wird irgendwohin geschossen, wo er sich gar nicht halten kann, weil es ihm an Erfahrung und durchlaufenen Entwicklungsstufen fehlt.
Wie blicken Sie heute auf Ihre eigene, künstlerische Entwicklung?
Damrau: Ich habe den Anfang meiner Bühnenlaufbahn hier in Würzburg so genossen! Meine ersten Liederabende habe ich selbst organisiert und selbst plakatiert. Und dann gingen wir raus und hatten vielleicht 80 Zuschauer oder weniger. Egal, es war wunderbar! Nur so lernt man. Wer denkt dabei, wo man in 20 Jahren ist? Aber man muss auch aufpassen, lernen, Nein zu sagen und auch bei der Repertoireauswahl gut planen. Für mich gab es eine Zeit für die Königin der Nacht und das extrem hohe Koloraturfach, eine Zeit für Belcanto und jetzt ist – wieder – Zeit für Mozart und Strauss.
Sie haben in Berlin gerade als Marschallin im “Rosenkavalier” debüttiert, eine klassische Rolle für Sängerinnen in späteren Jahren ihrer Karriere. Sie machen in diesem Jahr außer “Rosenkavalier” nur noch Liederabende. Ist das auch etwas, das jetzt seine Zeit hat, anstatt noch mehr große Oper?
Damrau: Ich brauche die Oper, liebe die Arbeit im Ensemble. Ich bin ein Bühnentier. Aber meine Kinder sind jetzt zwölf und 14, die brauchen mich, denn die Schule verlangt ihren Tribut und Sesshaftigkeit. Und da passe ich mich an. So wie sie sich früher uns angepasst haben, als wir zu viert weltweit mit Live-in-Nanny unterwegs waren und von einer Opernproduktion zur nächsten gezogen sind. Deshalb habe ich auch hier in Zürich die Professur mit 30 Prozent angenommen. Damit ich da sein kann und mir zudem ein weiteres Standbein aufbaue, denn ich empfinde es als meine Pflicht, mein Wissen und meine Erfahrungen weiterzugeben. Liederabende und Konzerte lassen sich zeitlich flexibler planen und in kürzere Phasen einteilen. Auf unsere dritte Tournee mit Jonas Kaufmann und Helmut Deutsch nun mit Strauss und Mahler freue ich mich schon riesig, das ist top! Auch, dass ich dazwischen sogar kurz hin und her fahren kann. Und dann bin ich wieder ganz da.