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Am 31. Juli 2026 stehen bei Klassik am Dom 2026 zwei der bekanntesten Stimmen der Opernwelt gemeinsam auf der Bühne: Sopranistin Diana Damrau und Tenor Pavol Breslik gestalten mit dem Symphonieorchester der Volksoper Wien unter der Leitung von Pavel Baleff eine Operngala mit dem Titel „Amore! Amore!“. Im Mittelpunkt stehen dabei die vielen Facetten der Liebe – von zarten ersten Gefühlen bis hin zu leidenschaftlicher Dramatik.

Auf dem Programm stehen bekannte Arien und Duette aus beliebten Opernklassikern, darunter Werke von Verdi, Donizetti, Puccini oder Gounod. Gleichzeitig bleibt der Abend bewusst offen gestaltet: Das endgültige Programm stand zur Zeit unseres Gesprächs noch nicht vollständig fest, sodass spontane musikalische Überraschungen durchaus möglich sind. Sicher ist jedoch schon jetzt, dass auch einige deutsche Opern-Schmankerl spätestens als Zugabe ihren Weg auf die Bühne finden werden.

Im Gespräch erklärt Diana Damrau, warum Oper für sie „die menschlichste aller Künste“ ist, weshalb sie die Zusammenarbeit mit Pavol Breslik besonders schätzt und was einen Open-Air-Abend wie Klassik am Dom für Künstler:innen und Publikum so besonders macht.

Was erwartet das Publikum beim Opernabend am 31. Juli bei Klassik am Dom?

In diesem Programm möchten wir alle Facetten der Liebe zeigen – von der unschuldigen, der loyalen, über die toxische Liebe; über die Seelenverwandtschaft, das Jubeln, das zu Tode betrübt zu sein; die dramatische Begegnung, die Verführung. Das alles werden wir auch auf der Bühne interpretieren und verkörpern.

Auf welches musikalische Stück oder welche Rolle blicken Sie an diesem Abend besonders gespannt?

Ich kann’s nicht sagen. Ich liebe jedes Stück für sich, jeden Charakter für sich. Als Bühnentier oder Sänger-Darsteller ist es toll, wenn man von der Gretel bis Old Woman / Drunken Woman über die Königin der Nacht, Lucia di Lammermoor bis zur Marschallin vom Rosenkavalier wechseln kann – das ist so ein unglaubliches Spektrum und es verlangt jedes Mal eine andere Körperlichkeit. Wir sind Körper-Instrumente. Die Stimme bleibt immer die gleiche, aber ich muss mich natürlich dem Stil, der Sprache und den musikalischen Erfordernissen anpassen. Das dann auf der Bühne umzusetzen und das Publikum mit in die Geschichte dieses jeweiligen Menschen und in die Situation zu ziehen und die Atmosphäre spüren zu lassen – darum geht’s mir. Dass die Musik, das große Geschenk, das uns unsere Komponisten gegeben haben, sich in voller Wirkung entfalten kann.

Sie stehen auch gemeinsam mit Pavol Breslik auf der Bühne. Wie gestaltet sich diese Zusammenarbeit?

Ich freue mich besonders auf die Duette von La Bohème, Manon und Rigoletto! Pavol Breslik und ich kennen uns schon sehr lange und haben von der Zauberflöte über LiebestrankLucia di Lammermoor, Capriccio, Arabella sehr viel miteinander musiziert und kennen uns gut. Er ist jemand, der in verschiedenste Persönlichkeiten hineinschlüpfen kann. Das ist sehr wichtig, da es in dem Programm nicht nurdarum geht, dass man schöne, wunderbare, bekannte, ikonische Opernmelodien und Duette hört, sondern wir wollen wirklich in das Spektrum der Liebe tief eintauchen – genauso, wie es die Komponisten auch getan haben. Das soll man hören und sehen können.

Was hat ein Open-Air-Konzert wie Klassik am Dom für einen besonderen Reiz für Sie?

Es ist etwas ganz anderes, weil man draußen in der Natur ist und eine andere Atmosphäre hat. Natürlich auch andere akustische Verhältnisse, aber es ist doch etwas Natürlicheres und Unmittelbareres für den Künstler. Wenn man von den glitzernden Sternen singt, es wirklich Nacht ist und man den Sternenhimmel über sich hat; oder das besungene Lüftchen, wirklich spürt, das ist Inspirierend für alle und natürlich. Schön ist auch, dass die Kamera uns manchmal ganz nah heranholt – das hat man in der Oper im Opernsaal so nicht. Da kann man wirklich hineinzoomen und den Künstler aus nächster Nähe erleben, was das Live-Erlebnis noch intensiver macht. Und das alles mit einem schönen, eingängigen, aber zugleich tiefgründigen Programm. Genau das war mein Ziel.

Weil Sie die Marschallin vom Rosenkavalier erwähnt haben: Es ist ja eine Rolle, die viel Reife verlangt. Gibt es Rollen, auf die Sie sich im Laufe Ihrer Karriere bewusst hinentwickelt haben?

Wie sagt die Marschallin: „Jedes Ding hat seine Zeit“. Ich muss mich immer an meinem Instrument orientieren – was mein Körper, meine Stimme und meine technischen Fähigkeiten in dem Moment zulassen. Es ist immer auch eine Momentaufnahme, natürlich mit Perspektive, klar – ich bin Koloratursopran und habe natürlich die leichteren Rollen am Anfang gesungen.

Mein Wunschtraum war, irgendwann La Traviata singen zu können. Und das hat mir meine Lehrerin bestätigt. Natürlich nicht im Alter von 24 Jahren – man muss dahin wachsen und es gibt so viel wunderbares Repertoire, das man davor singen sollte. Als Sänger steckt man immer in einer Entwicklung: persönlich, stimmlich, körperlich und künstlerisch. Beim Singen wird alles eins. Man kann den Körper nicht forcieren. Es kommt auch viel Glück dazu und natürlich stetige Arbeit und in sich hineinhören und an sich arbeiten.

Ich mische auch immer gerne. Ich mache Kirchenkonzerte genauso wie Opernkonzerte, genauso auch Liederabende und Kammermusik. Ich bin jemand, der neugierig ist und ich lass mich nicht gerne in Schubladen stecken. Die Marschallin ist natürlich ein Eckpfeiler – da gibt es verschiedene Traditionen. Man kann das mit einer ganz großen Stimme besetzen, wie aber auch mit einer Stimme, die in Richtung Elisabeth Schwarzkopf geht.

Gibt es sonst eine Persönlichkeit in der Oper, die Sie besonders mitgenommen hat?

Es sind alle! Mit jedem Charakter muss ich mich ganz genau auseinandersetzen. Jede Figur ist komplex. Der Wunsch, Opernsängerin zu werden, hat bei mir aber mit La Traviata von Verdi begonnen – genauer gesagt mit der Filmversion. Als ich zwölf Jahre alt war, habe ich sie im Fernsehen gesehen und dachte zuerst: „Ui, das ist ein Ballett.“ Es war wunderschön – Teresa Stratas als Violetta Valéry in La Traviata. Ich wartete darauf, dass sie gleich zu tanzen beginnt. Aber sie sang. Und ich dachte: “Was ist das denn?” Natürlich wusste ich, was Oper ist – mein Opa hörte Wagner – aber das hier war etwas ganz anderes. Singen und Schauspiel zugleich.

Und dann diese Geschichte: Violetta, die Kurtisane, die aus dieser patriarchalischen Gesellschaft eigentlich nicht ausbrechen kann, es aber auf ihre Weise doch tut. Sie verschafft sich Bildung, wird Kurtisane, lebt gewissermaßen Freiheit, wie ein Mann – wird dafür aber natürlich nicht akzeptiert. Sie nimmt sich ihre Rechte und ihre Freuden. Dann dieses Schicksal und ihre große Liebe, die sie zulässt, obwohl sie weiß, dass sie wegen ihrer Tuberkulosekrankheit sterben wird. Das ist schon eine sehr komplexe Figur. Und die Musik dazu. Ab dem zweiten Akt habe ich nur noch geweint. Und danach habe ich mir gedacht: „Das ist das Schönste, was Menschen schaffen können.“

Viele Menschen erleben Oper vielleicht zum ersten Mal bei einem Open-Air-Konzert. Was würden Sie jemandem sagen, der noch nie eine Oper gehört hat?

Oper ist die menschlichste aller Künste – wir haben unser Körperinstrument, aber auch den Text und das Schauspiel. Was das Besondere ist: Es ist live gesungen und gespielt. Wir haben ein Orchester und wir sind international. Aber wortlos versteht man sich in der Musik. Es gibt für jeden was in dem Programm – für Opernfans genauso wie für Opern-Newcomer. Es ist vor allem Musik, die wirklich ins Herz geht und uns alle dann beflügelt, an dem Abend in die Höhen und Untiefen der Liebe einzutauchen. Oper ist auch nicht irgendwas, vor dem man Angst haben muss – dass es “zu hohe” Kultur und Kunst ist und es kein Laie versteht. Man versteht’s – mit dem Herzen.

Man sollte sich jedenfalls darauf einlassen – vor allem auf das, was faszinierend ist: was die menschliche Stimme und der Körper alles kann. Das merkt man natürlich viel mehr im Operhaus selbst. Man spürt die Vibrationen, man merkt, sie machen das ohne Mikrofon und das hat mich einfach immer schon fasziniert: Wie kriege ich solche Töne, die über ein 80-köpfiges Orchester mit Chor noch drüber kommen müssen, aus meinem Körper raus und danach noch fähig sein kann, zu sprechen. Allein schon das war und ist ein Faszinosum für mich und ich wollte das lernen, weil ich die Musik liebe.

Ich finde es immer wieder aufs Neue spannend, diese Verbindungen aufzubauen mit dem Orchester, mit dem Dirigenten, mit den Kollegen und da aus dem Moment etwas gemeinsam zu schaffen, was auch noch harmonisch ist – das ist das, was die Welt eigentlich braucht. Also ich denke, Politiker sollten sich alle mal ins Orchester setzen oder im Chor gemeinsam singen.

Sie haben in New York, Wien, Mailand, München gesungen. Gibt es dennoch Momente auf der Bühne, in denen Sie Lampenfieber bekommen?

Ich denke, ein gewisser Grad an Lampenfieber ist sogar gesund und wichtig. Wenn man auf die Bühne geht und nur abliefert, spürt es jeder. Es muss die Leidenschaft da sein. Also für mich: Wenn ich merke, ich gehe auf die Bühne und arbeite nur noch mein Programm ab, dann wird es Zeit, dass ich aufhöre.

Kürzlich sorgte eine Aussage des US-Schauspielers Timothée Chalamet für Diskussionen. Er meinte, traditionelle Künste wie Oper oder Ballett würden heute kaum noch jemanden interessieren. Wie sehen Sie das?

Also ich kann nur eine Lanze brechen für die Oper, weil die Oper Menschheitsgeschichte ist. Das ist Zeitgeschichte, Literatur, Hochsprache – alles ist verfeinert. In unserer Zeit hingegen ist alles nur noch laut, bunt und schnell. Und das ist eben genau das, was wir zu verlieren drohen und dafür müssen wir kämpfen.

Man muss sich dessen bewusst sein, in welche Spektren man mit der Sprache gehen kann. Heutzutage wird alles nur noch irgendwie nivelliert und vereinfacht; und am Schluss kann man nicht mehr kommunizieren. Oper, Tanz, Schauspiel ist pure Kommunikation, auch mit dem Publikum, mit dem Innern unserer Seele. Und Musik ist Medizin und die Vereinigung aller Künste, die Vereinigung von allem, was der Mensch geschaffen hat und schaffen kann und was im Menschen und Körper möglich ist. Und das ist nicht schwierig und eine Randerscheinung, sondern das ist der Kern unserer Menschheit. Punkt.